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Chronik der Gemeinde Kindenheim

(erstellt von Günter Flohn)

In einem kleinen Seitental der Haardt, dort wo das Pfälzer Bergland in das Rheinhessische Hügelland übergeht, liegt der Weinbauort Kindenheim. 

Wie Funde beweisen, wurde unser Kinderbachtal bereits in der Jungsteinzeit, so um 5000 v.Chr., von umherziehenden Jägern dieser Zeit benutzt. Namenlos bleiben sie in der Dunkelheit der Geschichte. Erst mit dem keltischen Volksstamm der Mediomatriker besiedeln nachweisbare Sippen unser Tal. Mit der einsetzenden Völkerwanderung wurden sie im letzten Jahrhundert vor Christi durch den germanischen Volksstamm der Vangionen verdrängt, die ihrerseits durch die Römer 58 v. Chr. besiegt und abgelöst wurden. 

Nahezu 400 Jahre lebten und herrschten die Römer in unserem Kinderbachtal. Sie brachten uns den Wein, Kastanien, Kirschen und Mandeln. Die Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen bei Bockenheim und die südlich unseres Dorfes vorbeiführende Heeresstraße von Worms nach Metz sorgten für eine intensive Besiedlung des Kinderbachtales. Die 1989 ausgegrabenen Grundmauern einer römischen Villa rustica sowie viele Funde in unserer Flur bezeugen dies deutlich.

Als 407 n.Chr. die römische Herrschaft endete, gaben zuerst einmal für 30 Jahre die Burgunder, dann die nachrückenden Alemannen in unserem Tal ihre Visitenkarte ab. Das Christenkreuz verschwand von den Haustüren und die Opferfeuer der Germanen flammten auf dem nahen Katzenstein weit in die Rheinebene hinaus. Zum Ende des 5. Jahrhunderts verdrängten dann die Franken die Alemannen auch aus dem Kinderbachtal. 

So gründete um 500 n.Chr. ein Franke mit dem Namen Gautzwin oder Gozwin eine Heimstatt im oberen Kinderbachtal. Dicht hinter dem alten Friedhof gelegen, entwickelte sich daraus das Dorf Gössesheim, das in der weiteren Geschichte eng mit Kindenheim verbunden war. 

Zwar waren die Franken zum christlichen Glauben übergetreten, aber bis ins 8. Jahrhundert hinein brachten sie den Göttern Wotan und Donar auf dem Katzenstein ihre Opfer dar. 

Erst der heilige Philipp von Zell, ein streitbarer Glaubensmann, beendete diese Opferfeierlichkeiten, indem er wahrscheinlich um 730 n.Chr. eine Holzkapelle auf dem Versammlungsplatz der Franken unterhalb des Katzensteins, dort wo heute die Heiligenkapelle steht, bauen ließ.

Zu einem nicht bestimmbaren Zeitpunkt legte der Königshof bei Bockenheim an der alten römischen Kultstätte am Michelsberg einen Rodungshof an. Dies war der Grundstein für das spätere Kindenheim. Als Ableger des Königshofes hatte dieser Hubhof jedoch keinen Eigennamen und eventuelle Veräußerungen und Schenkungen wurden im Lorscher Codex als „in marca buckinheim“ eingetragen. 

Als um das Jahr 800 n.Chr. das Domkapitel Lüttich das ganze, noch nicht besiedelte Kinderbachtal als Königsschenkung erhält, liegt der Hof am Michelsberg plötzlich als Enklave inmitten dieser Lütticher Besitzungen. 

Frau Tröscher findet bei Ihren Nachforschungen im Archiv des Domkapitels Lüttich eine Urkunde von 817, in der u.a. die Orstsbezeichnung Cunerono aufgeführt ist. Herr Dr. Kaufmann, der als Namensforscher pfälzischer Orte einen hervorragenden Ruf genießt, erkennt darin die leicht latinisierte Bezeichnung für unseren Ort. Aus Cunerono, dann Cunnenheim und Kinnenheim entwickelte sich so langsam der Ortsna-me Kindenheim. 

Etwa um 1100 n.Chr. eigneten sich die Grafen von Leiningen den bisher von Ihnen im Auftrag der Krone verwalteten Wormsgau an. Dieser reichte von Oppenheim im Norden bis Bad Dürkheim im Süden. 

1150 verkauft das Kloster Lorsch alle seine Besitzungen im Kinderbachtal an das Domkapitel Lüttich. So waren die Höfe im oberen Kinderbachtal in Lütticher Besitz; ein guter Grund inmitten dieser Höfe auf dem heu-tigen alten Friedhof eine Feldkirche, St. Dionysius, zu bauen.

Alte Klöster verschwanden, neue Klöster mit großzügigen Schenkungen des Adels bedacht, tauchten auf. Als Graf Emich III. 1196 starb, schenkte seine Tochter Alberad, Gräfin von Cleeberg, dem Kloster Wadgassen das Patronatsrecht von Kleinbockenheim und Kindenheim. Zum gleichen Zeitpunkt schenkte eine andere Tochter des Grafen, Lucarde, Grä-fin von Saarbrücken, dem Kloster Otterberg das Patronatsrecht von Großbockenheim. 

1226 erwarb das Kloster Wadgassen den Kirchenzehnten der kleinen Ansiedlung Kandenesche, westlich von Kindenheim gelegen, in späteren Jahren dann als Probsthof bezeichnet. 

Im gleichen Jahr vermacht Gräfin Elisabeth von Leiningen dem Kloster Nonnenmünster in Worms das Backhaus und eine Stampfmühle in Kindenheim. 

Am 22. Dezember 1250 kauft das Kloster Otterberg den gesamten Besitz des Domkapitels Lüttich im oberen Kinderbachtal auf. Die Kirche St. Dionysius wurde mit einem Otterberger Pfarrer besetzt. In den nachfolgenden Jahrzehnten versuchten beide Klöster, Ihren Einfluss im Kinder-bachtal immer weiter auszudehnen. Dies war um so leichter möglich, da in dieser Zeit die Leininger sich durch Erbstreitigkeiten, Aufsplitterungen und Kriegsteilnahmen immer wieder selbst schwächten. 

Im 14. Jahrhundert entwickelten sich Gössesheim und die Höfe im Kinderbachtal prächtig, alleine Kindenheim konnte sich auf Grund seiner isolierten Lage kaum ausdehnen.

Als Kurfürst Ludwig I. von der Pfalz 1461 die Bockenheimer Emichsburg belagerte, kam es auf dem Feld zwischen der Klamm und dem Kissel Richtung Wachenheim zu einer blutigen Schlacht mit einem Verbündeten des Leininger Grafen Emich VII., dem Erzbischof Dieter von Mainz. Der Kurfürst entschied die Schlacht für sich und Graf Emich VII. bat um Gnade. 

Bereits 1471 stand der Kurfürst, von Graf Emich VII. von Leiningen in einem Erbenstreit herausgefordert, wieder vor Bockenheim und besiegte den Leininger zum zweiten Mal. Emichsburg und beide Bockenheim wurden geschleift, die Orte Kindenheim und Gössesheim sowie die umliegenden Höfe waren geplündert, gebrandschatzt und erheblich zerstört. 

Beim notwendigen Aufbau der Orte im Kinderbachtal entschied das Grafenhaus, Kindenheim zu einem befestigten Ort auszubauen und Gössesheim aufzugeben. Die wenigen Bewohner von Gössesheim zogen nach Kindenheim um. 

Kindenheim wurde mit Gräben im Norden, Mauern, Palisadenzaun und zwei befestigten Toren an der Ost- und Westseite befestigt und aufgebaut. Die Steine dazu nahm man von den Resten des Ortes Gössesheim. 

Die Kirche St. Dionysius wurde bei diesen beiden Kriegen nicht zerstört, nur das Pfarrhaus war beschädigt. Das Kloster Otterberg erfocht sich in einem Prozess mit Kloster Wadgassen das Recht, die nach Kindenheim gezogenen Gössesheimer Bürger sowie alle nach St. Dionysius gepfarrten Bürger im oberen Kinderbachtal weiterhin seelsorgerisch zu betreuen.

In der Folgezeit wuchs Kindenheim zu einer ansehnlichen Siedlung heran. Zwar wurde die kleine Kindenheimer Kapelle 1509 umfangreich renoviert, da aber die seelsorgerische Betreuung durch die Wadgassener Mönche weiter sehr dürftig und die Kapelle für die rasch wachsende Gemeinde zu klein war, besuchte man regelmäßig den Gottesdienst bei St. Dionysius. 

Mit dem Bauernkrieg 1525, der in einer blutigen Schlacht vor den Toren von Pfeddersheim endete, begann der Niedergang der Klöster in unserem Tal. Mönchhof, Probsthof und Hertlingshäuser Hof waren niedergebrannt, die Akten der Klosterverwaltungen zerstört. Die einsetzende Reformation, mit der flammenden Rede Luthers 1521 in Worms eingeleitet, zwangen die Klöster endgültig in die Knie. 

Graf Johann, Philipp I. von Leiningen-Dachsburg-Falkenburg erhob Anspruch auf den Wadgassener Besitz, den er am 23. Dezember 1583 käuflich erwarb und besetzte die Kleinbockenheimer Martinskirche und damit auch die Kindenheimer Kapelle mit einem lutherischen Pfarrer. Zuvor hatte er bereits den großen Hertlingshäuser Hof und die Kirche St. Dionysius mit ihrem ansehnlichen Kirchengut von Otterberg gekauft. 

Kurfürst Friedrich III. legte 1570 seine Hand auf die Besitzungen des Klosters Otterberg in Großbockenheim und besetzte die Lambertskirche mit einem reformierten Pfarrer.

1575 baut die Gemeinde auf dem Vorplatz der Kapelle in Kindenheim ein Rathaus mit Glöckchen und Turmuhr. Kirchlicher Mittelpunkt wird das auf dem alten Friedhof stehende Gotteshaus St. Dionysius, das 1583 gründlich renoviert wird. Auch der Friedhof wird ab dieser Zeit von Kindenheim benutzt. Während des 30-jährigen Krieges wird St. Dionysi-us und das Pfarrhaus zerstört und nicht mehr aufgebaut. 

Schwer gezeichnet ist Kindenheim nach dem 30-jährigen Krieg. Das Dorf schwer mitgenommen, die Bevölkerung auf ein Minimum reduziert, die Flur verwildert und kein Vieh auf der Weide. Doch das Leben geht weiter und bei einem Neujahrsempfang 1661 huldigten schon wieder 65 Kindenheimer Bürger ihrem Grafen. 

Die Kindenheimer Kapelle wird überholt und bereits ab 1655 wohnt ein Pfarrer im neuerbauten Pfarrhaus in Kindenheim. 

Zwanzig Jahre später, im Jahre 1688, wird die Pfalz und damit auch Kindenheim erneut Kriegsschauplatz im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Französische Aushebungskommandos nehmen mit, was nur beweglich ist, es wird geplündert und zerstört, Städte werden geschleift und sogar die Weinberge ausgerissen. Ludwig XIV. hatte befohlen, die Pfalz in ei-ne Wüste zu verwandeln. 

Ein Jahrhundert des Krieges endete 1697 mit dem Frieden von Ryswyk.

1697 übernimmt Johannes von der Mühlen das große Herrengut in Kindenheim, 1698 kauft Johann Georg Horn den Probsthof. Beide Höfe halten den großen und den kleinen Zehnten in Kindenheim und beherrschen fortan die Geschicke Kindenheims. 

1715 schenkt Kindenheim dem Grafenhaus den Eckelsborn am Hundskopf als Dank für die Hilfe im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Sein Wasser fließt in Tonröhren noch heute nach Bockenheim, obwohl Anfang des 19. Jahrhunderts das Grafenhaus die Quelle der Kindenheimer Mühle in der Gässel zurückgab. 

Um der wachsenden Bevölkerung Rechnung zu tragen, beginnen 1723 umfangreiche Bau- und Erweiterungsarbeiten an der Kindenheimer Kapelle und 1727 wird ein neues Pfarrhaus gebaut, heute im Besitz der Familie Rasp-Lambert. 

Missernten, Unwetter, Seuchen und Epidemien dezimierten immer wieder die Bevölkerung in diesem Jahrhundert und führten zur ersten Auswanderungswelle Ende des 18.Jahrhunderts. Da ein Verlassen des Wohnortes unter schwerste Strafen gestellt war, verließen heimlich ganze Familien den Ort, um in USA, Russland und auf dem Balkan ihr Glück zu suchen. 

Bereits 10 Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution 1783 war das ganze linksrheinische Gebiet französisch. Marie (Bürgermeister) und Munzipale (Gemeinderäte) wurden gewählt und auf die neue Verfassung vereidigt. Adel und Klerus wurden enteignet und das „Volksvermögen“ verkauft. So wurde der Probsthof in 60 Lose zerschnitten und durch seinen Besitzer an Kindenheimer Bürger verkauft. Der „Mühlenhof“ wurde unter die einzelnen Familienmitglieder aufgeteilt. Beide Höfe hatten damit aufgehört zu existieren. 

Kindenheim wurde 1794 wieder Kriegsschauplatz. Auf dem Kahlenberg hatten französische Truppen Stellung bezogen, auf der anderen Seite der Pfrimm, bei Zell, lagen die Preußen. Wachenheim wurde dabei viermal von den Franzosen verloren und wieder zurückerobert. 

1797 endeten mit dem Frieden von Campo Fomio diese Auseinandersetzungen; das ganze linksrheinische Gebiet wurde von Frankreich annektiert als Departement Mont-Tonnere. 

1814 befreiten deutsche Truppen die Pfalz von der französischen Herrschaft. Die Kosten dafür musste die Pfalz zahlen, Kindenheim 20.543 Gulden. Diese „Schulden“ kosteten nicht nur die ganzen Immobilien der Gemeinde, sondern über lange Jahre waren die Kindenheimer Bürger mit hohen Kosten gefordert. 

Beim Wiener Kongress 1814 wurde der Wormsgau aufgelöst. Der nördliche Teil kam zu Hessen-Darmstadt, der südliche Teil kam mit der Pfalz zu Bayern. Rheinhessen war entstanden. Die Grenze verlief zum Teil an unserer Gemarkungsgrenze zu Wachenheim. Wir waren Pfälzer und Bayern geworden ! 

Der Absatzmarkt Worms war für unsere Bauern verschlossen, Händler aus der Pfalz kamen äußerst selten in diesen abgelegenen Zipfel der Pfalz, die Bauern blieben auf Ihren Produkten sitzen. Unser Dorf war „das letzte Haar im Schwanzbüschel des bayrischen Löwen !“ 

Eine zweite Auswanderungswelle folgte, bei der fast 400 Kindenheimer Bürger nach USA, Brasilien und Neuseeland auswanderten. 

Nach Tilgung der Kriegsschulden konnte man längst geplante Baumaßnahmen ins Auge fassen. Die Straße nach Biedesheim wurde in den 20er Jahren gebaut, die Friedhofsmauer neu gezogen, 1838 dann ein neues Rathaus errichtet, das alte wurde wegen Baufälligkeit abgerissen. 

Schwer tat man sich mit dem Bau eines Turmes, der dann endlich 1871/72 als politischer Turm ausgeführt wurde. Am 17. November 1872 erklangen von ihm zum ersten Mal die neuen Glocken. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kindenheim etwa 900 Einwohner. 

Der Krieg 1870/71 war schnell beendet und hinterließ nur wenig Spuren, waren doch keine Kindenheimer Kriegsteilnehmer gefallen. 

Bis zum 1. Weltkrieg konnten noch viele neue Projekte verwirklicht wer-den. 1857 wurde die Kirche in ihrer heutigen Erscheinungsform umgebaut, 1881 der Kirchenvorplatz auf heutiges Niveau gesenkt. 

1881 riss man das erst 1838 gebaute Rathaus bis auf den ersten Stock ab und baute es in seiner heutigen Form neu. 1898 bekam Kindenheim seine Wasserleitung, 1914 kam dann das elektrische Licht. 

Mit hohem Engagement bemühte man sich, die geplante Bahnstrecke Grünstadt-Monsheim mit einem Bahnhof am Weiherchen zu bekommen. Zwar wurde die Strecke genehmigt, aber der Bahnhof wurde in Bockenheim gebaut ! 14.000 Golddukaten hatte Kindenheim für diesen Bahnbau aufgebracht. 

1882 wurde die Zuckerfabrik Neuoffstein gebaut und um die Jahrhundertwende eine Spar- und Darlehenskasse (Raiffeisen) gegründet. 

Der 1. Weltkrieg forderte auch in der Kindenheimer Bevölkerung seinen Tribut. 37 Kindenheimer Bürger ließen dabei ihr Leben. 

Die Inflation 1923 vernichtete alle Ersparnisse, die Weltwirtschaftskrise 1929 kostete vielen Kindenheimern den Arbeitsplatz. 

Der Bau des Kriegerehrenmals 1928 und die Glockenweihe 1930 können nicht über den großen Unmut der Kindenheimer Bevölkerung über die politischen Wirrnisse der Weimarer Republik hinwegtäuschen. Vor allem der Bauernstand wurde immer wieder schwer getroffen. 

Hatte schon die Separatistenbewegung 1923/24 viele Anhänger in Kindenheim, so war unser Ort in den Anfängen der NSDAP eine Hochburg in der Pfalz. Bereits bei den Reichtagswahlen 1930 hatte die NSDAP in Kindenheim 70 % der Stimmen. 

Als 1930 die Franzosen aus der Pfalz abzogen, hatte die NSDAP den Ort bereits fest im Griff, obwohl bei den Reichtagswahlen 1933 noch immer 18,75 % für die SPD stimmten. 

Das Milchhäuschen wurde 1933 gebaut, es folgte eine Pumpstation im Apfelgarten 1934, die für höheren Wasserdruck in den Dorfleitungen sorgte. Der neue Friedhof wird fertig angelegt, und 1936 beginnt der Ausbau der Hauptstraße vom Friedhof bis nach Bockenheim mit Pflastersteinen. 1937 dann ist Einweihung dieser Straße, die über hundert Jahre lang halten sollte. Die Kirche baut 1937 im Frohnacker ein neues Pfarrhaus, das alte wird verkauft. 

Mit dem Eintritt in den 2. Weltkrieg beginnt eine Zeit, wie sie schrecklicher nicht sein kann. 

Waren die ersten Monate mit Siegesnachrichten ausgefüllt, wurde die Nachricht vom Tod Kindenheimer Soldaten mit Ernüchterung aufgenommen. Alte Männer und Frauen, Kinder und Heranwachsende mussten mit Kuhfuhrwerken oder alten Pferden fortan die Feldarbeit übernehmen.

Vom Hunger der Stadtbevölkerung spürt man auf dem Dorf wenig. Hier kann man, trotz Lebensmittelkarten immer noch satt werden. 

Nach einem strengen Winter 1942 mit viel Schnee werden immer mehr die nächtlichen Bomberverbände zur seelischen Belastung der Bevölkerung. Glaubt man auch nicht, dass jemand Kindenheim bombardieren könnte, so sitzt man doch ängstlich im Keller bis zur Entwarnung.

Die Todesnachrichten im Dorf häufen sich. Vermehrt werden in der Landwirtschaft Bewohner aus besetzten Gebieten zur Arbeit eingesetzt. Tagsüber terrorisieren amerikanische Jabo´s die Bevölkerung, die auf alles schießen, was sich am Boden bewegt. Splittergräben nach Bockenheim sollen den Bahnbenutzern wenigstens etwas Schutz bieten.

Zum Endsieg werden jetzt Volkssturm und Hitlerjugend herangezogen, nur noch wenige Männer sind im Dorf.

Am 19.März 1945 wird dann Kindenheim zur Frontstadt. Zurückweichende deutsche Truppen werden auf dem Kahlenberg durch Jabo´s angegriffen; es gibt 2 Tote und viele verendete Pferde. Zwei Tage lang ziehen deutsche Soldaten durch Kindenheim, werden von der Bevölkerung mit Essen und Trinken versorgt, und Rotkreuz-Schwestern verbinden unermüdlich Wunden. Jabo`s schießen am 20. März zwei Häuser und eine Scheune in Brand; es kann durch die Feuerwehr wegen Wassermangel nicht gelöscht werden. 

Aufregung gab es, als deutsche Elitesoldaten am 20. März gegen Mittag die Panzersperren im Dorf schließen wollten. In der westlichen Sperre waren bereits die Sperrbäume eingelegt und vermint, an der östlichen Sperre leisteten Kindenheimer Frauen so viel Widerstand, dass die Soldaten es aufgaben und weiter Richtung Bockenheim fuhren. Die westliche Sperre wurde später wieder durch die Bevölkerung geöffnet. 

War bereits am 21. März morgens gegen 6:00 Uhr ein amerikanischer Jeep im Dorf gewesen, so marschierten die Amerikaner ohne Widerstand am Vormittag in Kindenheim ein. Viele deutsche Soldaten, die erschöpft und verwundet im Dorf geblieben waren, ergaben sich und kamen in Gefangenschaft. Ohne einen Schuss wurde Kindenheim von den Amerikanern am 21. März 1945 besetzt.

Die schlimmen Nachkriegsjahre schwappten auch in unser Dorf. Die Franzosen hatten Kindenheim übernommen, einen Bürgermeister eingesetzt und am Anfang ein Ausgehverbot ab 22:00 Uhr verhängt. Drastische Lebensmittelabgaben an die Franzosen brachten selbst den Hunger in unser Dorf. Aber immer wieder fand die Bevölkerung eine Möglichkeit, Lebensmittelabgaben zu umgehen und sich selbst zu versorgen. Nachbarschaftshilfe war dabei selbstverständlich. 

Die Schulkinder brachten für den Ofen im Schulsaal von zu Hause Holz mit, warme Kleidung und Schuhe waren Mangelware. Ab 1947 gab es dann von den Behörden eine Schulspeisung für alle Schulen, eine warme Malzeit für jedes Schulkind ! 

Der Winter 1947/48 war dann der absolute Tiefpunkt dieser schrecklichen Zeit. Tiere mussten wegen Futtermangel geschlachtet werden, viele Kindenheimer froren, weil es kein Brennholz und keine warme Kleidung mehr gab. 

Zum 15. Februar 1948 forderten die Franzosen von der Gemeinde Kindenheim 92.000 Liter Wein als Kriegskosten.

Mit dem Erreichen der Währungsreform 1948 möchte ich diese Chronik beenden. 

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Günther Flohn
Am Kinderbach 27
67271 Kindenheim
Tel. 0 63 59 / 48 62

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